Der NATO-Gipfel in Ankara fand in einer Zeit der Unsicherheit und des Umbruchs statt. In der Ukraine wütet der russische Eroberungskrieg im vierten Jahr und ein Ende ist nicht abzusehen – auch weil die Ukraine sich als hartnäckiger Gegner erwiesen hat, der Putins "mehrtägige Spezialoperation" in einen ausgewachsenen Krieg verwandelt hat, in dem Russland längst von der Siegerstraße abgekommen ist. Und im Nahen Osten schießen Amerikaner und Iraner wieder aufeinander und Trump erklärte soeben das "Memorandum of Understanding", das den Weg zu einem Frieden ebnen sollte, für beendet. Überall rauchende Colts.
Es könnte eine Sternstunde des westlichen Verteidigungsbündnisses sein, doch die Allianz zeigt Schwächen – und auch die gehen auf Trump zurück. Schon länger kritisiert er die NATO-Verbündeten und stellt inzwischen der Nutzen der Verteidigungsallianz (für die USA) infrage. Im Kern hat er dabei gute Argumente auf seiner Seite und auch deshalb ist Bewegung in die Europäer gekommen, endlich ihre Verteidigung wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Die Bedrohung durch den russischen Bären für Mittel- und Westeuropa ist nicht mehr zu ignorieren – auch weil Trump sich als "Putins best Buddy" geoutet hat und am liebsten nur "beautiful deals" mit ihm abschließen will, die den USA – und vor allem dem Trump-Clan – Vorteile bringen. Eigennutz als dominierende Triebfeder.
Und Eigennutz ist es auch, was die NATO aktuell antreibt. Der eigene Schutz ist elementar, das Abnabeln von den USA ebenfalls. Wenn der "große Bruder" wankelmütig wird und vielleicht sogar zum Aggressor (Grönland), kann man sich weder auf seinen Beistand noch auf seine Waffensysteme verlassen. Die Europäer und NATO-Partner Kanada suchen den Schulterschluss zu einer "NATO-". Die Stärke der "europäischen NATO", wie Bundeskanzler Merz sie nannte, liegt in der eigenen Stärke.
Die Europäer müssen besser zusammenarbeiten, sie müssen ihre Waffensysteme besser koordinieren und aufeinander abstimmen und das gilt auch für die nachgelagerten Bereiche, wie Beschaffung, Wartung, Reparaturen. Vereinheitlichung und Standardisierung müssen staatliche Insellösungen ersetzen, um effizienter zu werden und im wahrsten Sinne schlagkräftiger. Die Alternative dazu zeigt sich in der Ukraine, wo ein fressgieriger Nachbar Millionen Leben zu opfern bereit ist, um seine imperialen Ziele durchzusetzen.
Europa muss aufrüsten und sich wieder selbst verteidigen können. Davon profitieren die heimischen Rüstungsunternehmen und so haben Rheinmetall, Hensoldt und Vincorion zuletzt Erfolge bei den Auftragseingängen zu verzeichnen. Der Trend geht dabei, natürlich, Richtung Drohnen und mobiler Angriffs- und Verteidigungssysteme und hier punkten die deutschen Hersteller vor allem durch eine Vielzahl an Joint Ventures und Kooperationen. Zudem bietet sich Deutschland als Industriestandort mit bestens ausgebildeten Facharbeitern als Standort für die Produktion amerikanischer Waffensysteme außerhalb der USA geradezu an - und die Kooperation von Rheinmetall mit Lockheed Martin zur Produktion der ATACMS-Raketen zeigt diesen neuen Trend.
Für Deutschland bietet sich hier auch eine andere Chance: die in größerem Umfang freigesetzten Mitarbeiter der strauchelnden Automobilindustrie stehen beinahe übergangslos der Rüstungsindustrie zur Verfügung. In einer Studie hat EY dargelegt, dass die 1,5% des BIP, die europäischen NATO-Staaten in sicherheitsrelevante Infrastruktur investieren müssen jährlich etwa 320 Mrd. Euro entspricht und das davon 62 Mrd. Euro auf Deutschland entfallen werden. Dies wird ein massiver Konjunkturimpuls und die Investitionen dürften eine jährliche Produktionswirkung von 822 Mrd. Euro auslösen und damit europaweit rund 4,4 Mio. Jobs schaffen, wovon auf Deutschland rund 723.000 entfallen sollten.
Profitieren wird unsere (teilweise marode) Infrastruktur, also Bauunternehmen und Betonhersteller. Aber ebenso wird mehr Geld in Energieinfrastruktur fließen und natürlich in den Schutz unserer Infrastruktur vor physischen Bedrohungen und Cyberattacken.
"Si vis pacem, para bellum (Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor)."(Vegetius)
Es ist ein Ammenmärchen, dass Rüstungsinvestitionen verlorenes Geld seien, weil die erworbenen Waffensysteme anschließend nur rumstehen und Kosten verursachen würden. Auch durch sie entsteht Wertschöpfung, durch ihre Entwicklung, Produktion, Wartung, Nutzung, Instandhaltung, Pflege. Und vor allem dienen sie unserem Schutz. Deutschlands großer Wohlstand ist auch das Resultat daraus, dass seit 80 Jahren kein Krieg mehr unser Land in Schutt und Asche gelegt hat. So konnte der erarbeitete Wohlstand über mehrere Generationen weitergegeben werden. Für Deutschland, das zuvor etwa alle 40 Jahren verheerende Kriege erlebt hat, war das ein ganz neues Gefühl - allerdings weiß heute bei uns fast niemand mehr, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist und jeden Tag aufs Neue sichergestellt werden muss. Deutschlands Mitgliedschaft in der EU und der NATO sind seine Garanten, nicht Friedensgebete und Mahnwachen.
Die Friedensdividende ist längst verspeist und nun ist wieder Realpolitik angesagt: Europa muss erkennen, dass es sich selbst am nächsten ist. Für Anleger bieten sich hier ebenfalls Chancen, denn die Wiederaufrüstung Europas ist eine Generationenaufgabe, die gerade erst Fahrt aufnimmt. Und Deutschlands Rüstungsschmieden spielen ganz vorne mit. Die erste Euphoriewelle ist verebbt und nüchternem Realitätsdenken gewichen: seit jeher eine solide Basis für gute Geschäfte und langfristig steigende Aktienkurse.
Alles Gute für euer Geld!
Michael C. Kissig
Disclaimer: Habe Hensoldt, Rheinmetall, Vincorion auf meiner Beobachtungsliste und/oder im Depot/Wiki.





%20und%20ich%20haben%20nie%20eine%20Meinung%20%C3%BCber%20die%20B%C3%B6rse,%20weil%20sie%20nicht%20fundiert%20w%C3%A4re.png)














